10 November 2013

Weiß nicht, wie das ist [Kurzgeschichte]

Er lachte. Doch es war kein schönes Lachen, was er da ausstieß. Es war eines von dieser Sorte, die nicht im Entferntesten fröhlich oder freundlich klangen, sondern einfach nur kalt und grausam. Eines, was einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. „Ich weiß es. Ich weiß, du willst es.“ grinste er. „Zier dich doch nicht so!“. Ich riss mein Handgelenk, welches er umklammert hielt, mit aller Kraft los und begann zu kreischen. Ich schrie und schrie, bis ich heiser wurde, schlug wie eine Wilde um mich, doch ich konnte ihm einfach nicht entkommen. Er packte mich an den Schultern und schüttelte mich durch, dass mir davon schlecht wurde. „Jocelyn!“ rief er immer wieder und ich versuchte mir die Ohren zu zu halten und wehrte mich nur noch heftiger. „Jocelyn, komm zu dir!“ Das war nicht Matts Stimme gewesen. Sondern Aarons.
Ich riss die Augen auf.
Es war stockfinster im Zimmer, doch durch die Fenster drang das fahle Licht der Straßenlaternen vor dem Gebäude herein, was es ein wenig erhellte. Über mir schwebte Aarons Gesicht, seine dunklen Haare hingen ihm wirr ins Gesicht. Seine Miene war verzerrt und seine Augen hatten einen ganz seltsamen Ausdruck. „Aaron“ flüsterte ich mit brüchiger Stimme. „Du bist es“. Er starrte mich ungläubig an. Er jetzt bemerkte ich, dass er halb auf mir lag, schwer atmend und meine Arme über meinem Kopf auf den Boden gedrückt hielt. Sofort kroch wieder die Panik in mir hoch. Ich wandte mich, schlug und trat um mich. „LASS MICH LOS!“. Sofort rollte er sich von mir herunter und kroch ein paar Meter von mir weg, wobei er beschwichtigend die Hände hob. „Hey, ist ja schon gut! Ich tu dir nichts!“. Mit jedem Zentimeter Abstand beruhigte ich mich wieder etwas. Ein paar Minuten lang war in der Stille nur unser beider, zitternder Atem zu hören. „Herrgott, was ist bloß los mit dir?“ fragte Aaron schließlich leise und schaute mir in die Augen. Kaum merklich begann ich zu zittern. „Ich, äh...“ unbehaglich verzog ich das Gesicht. Was war gerade geschehen?
Als hätte ich meine Frage laut ausgesprochen, erhob Aaron gleich darauf seine Stimme. „Ich bin mitten in der Nacht aufgewacht, weil du so geschrien hast. Ich sage dir, es war markerschütternd. Ich saß sofort aufrecht im Bett. Du hast geschrien und einfach nicht aufgehört. Ich dachte dir wäre was passiert.“ Ich senkte beschämt den Blick. Ich hatte also bloß einen Albtraum gehabt. „Also bin ich sofort hier ins Wohnzimmer gerannt. Du lagst nicht mehr auf der Couch, sondern daneben, hast ununterbrochen gekreischt und dabei um dich geschlagen. Ich hab versucht dich zu wecken, aber ich kam ja nicht mal nah genug an dich ran, so wie du dich gewehrt hast. Also habe ich versucht dich festzuhalten und plötzlich schlugst du die Augen auf.“ Er schüttelte immer noch fassungslos den Kopf. „Was um Himmels Willen ist dir zugestoßen, Jocelyn?“. Er drehte sich unbewusst noch weiter in meine Richtung und hielt meinen Blick fest. „Was ist geschehen, dass du keine Nähe zu anderen mehr ertragen kannst?“. Ich schluckte und starrte ihn nur aus großen, runden Augen an Vermutlich sah ich ganz fürchterlich aus, wie ein Gespenst.
Langsam nahm ich wieder meine Umgebung wahr und registrierte außerdem, dass Aaron kein Shirt trug. Sofort lief ich dunkelrot an, glücklicherweise sah man das in der Finsternis wahrscheinlich nicht. Dann fiel mir noch etwas auf: Über seine Brust zogen sich deutlich sichtbar rote Striemen. Oh mein Gott, war das etwa ich gewesen?
Aaron folgte meinem Blick. „Oh, das. Naja, wie gesagt, du hast dich heftig gewehrt“ er grinste verlegen und die Anspannung im Raum löste sich damit größtenteils in Luft auf. Ich atmete erleichtert aus. „Oh Gott, Aaron! Das tut mir total leid!“ Reflexartig rutschte ich über die Fliesen auf ihn zu und legte ihm eine Hand auf die Verletzungen. Aus der Nähe konnte ich erkennen, dass ich ihn ganz schön heftig erwischt hatte. Aaron sog scharf die Luft ein und überrascht zuckte mein Kopf nach oben und meine Augen begegneten seinem Blick. „Bist mir mit deinen Fingernägeln wohl ein bisschen nah gekommen, Hm?“ lachte er unsicher. Seine Stimme klang seltsam belegt und ich musterte ihn verwirrt. „Alles okay?“ er schüttelte langsam den Kopf, umfasste ganz sanft mein Handgelenk und entfernte meine Hand von seiner Brust. Er musterte mich, als sei ich ein verschrecktes Reh, welches jeden Moment davon laufen könnte. Entschlossen hob ich das Kinn und schaute ihm fest in die Augen, was ihn allerdings nur noch zusätzlich zu irritieren schien. „Jocelyn, du bemerkst es gar nicht, oder?“ Langsam entfernte er sich Millimeter für Millimeter von mir. Ich kann es nicht leugnen: Aus irgendeinem Grund versetzte mir das einen schmerzlichen Stich.
„Was denn?“, fragte ich ebenso leise und sanft, wie er es getan hatte. Seine Miene war ganz Ernst.
„Wie verrückt du mich machst. Mit einfach allem was du tust oder sagst. Wenn du mich berührst oder nur ansiehst. Was das in mir auslöst.“ er schluckte und fuhr sich durchs Haar, mied meinen Blick. „Auch jetzt. Wie du da sitzt, so zerbrechlich. Und...“ er knirschte mit den Zähnen. „Herrgott, Jocelyn! Zieh bitte diesen Träger wieder hoch!“ Er deutete auf mein dünnes Nachthemd, welches von Spaghetti-Trägern auf meinen Schultern gehalten wurde. Einer war hinunter gerutscht und mit glühenden Wangen schob ich ihn wieder nach oben.
Ich musste mich räuspern. „Was willst du damit sagen?“, fragte ich ihn. Seine Augen weiteten sich merklich. „Was ich dir damit sagen will? Verstehst du es immer noch nicht? Was ich meine, ist, dass ich verdammt nochmal verliebt in dich bin!“, alle seine Muskeln waren angespannt, als er die letzten Worte fast hinaus schrie.
Ich begriff es nicht. Konnte es nicht begreifen. „Verliebt? Aber wieso? Wieso in mich?“ Ich schüttelte langsam den Kopf. „Ich bin kein Mädchen, in das man sich verliebt. Ich bin weder hübsch, noch selbstbewusst, oder talentiert...“ meine Stimme klang ganz sachlich bei diesen Worten. Nicht bitter oder neidisch. Ich wollte auch nicht nach Komplimenten angeln. Ich sprach einfach das aus, wovon ich überzeugt war. Doch der verzweifelte Ausdruck in Aarons Augen ließ mich verstummen. „Du bist das wunderbarste Mädchen, dem ich je begegnet bin“ sagte er. Fest. Bestimmt. Auch er war von seiner Ansicht überzeugt.
Ich schloss überwältigt die Augen und schenkte ihm ein zaghaftes Lächeln. „Danke“ flüsterte ich und kam ihm wieder näher, schloss die Arme um ihn und vergrub mein Gesicht an seiner breiten Brust.
„Aaron, ich weiß nicht was Liebe ist. Ich kann dir nicht sagen, dass ich auch in dich verliebt bin. Aber was ich dir sagen kann, dass wenn es einen Menschen gibt, für den ich so etwas empfinde, dass du dieser Mensch bist. Dass du der wichtigste Mensch bist, in meinem ganzen Leben. Dass es keinen gibt, der mich jemals so behandelt hast, wie du es tust. Und dass mein Herz und mein ganzer Stolz für immer nur dir gehört.“
Langsam schloss auch Aaron seine Arme um meinen Körper und lange Zeit saßen wir einfach nur eng umschlungen dort auf dem Fußboden. Aarons Brust bebte, und ich wusste, dass er weinte - vor Glück und vor Schmerz.
Und mit einem Mal wurde mir bewusst, dass ich ihn glücklich machen konnte. Dass ich ihm zurück geben konnte, von dem, was er mir gegeben hatte.

Ich musste nur Vertrauen haben und mich Fallen lassen in das, was man Liebe nennt.

~~~

Wieder eine Kurzgeschichte! Ich hoffe sehr, dass sie euch gefällt. Also, wenn ihr überhaupt die Zeit und die Geduld hattet, bis hier hin zu lesen ;)

Liebe Grüße!
Eure Natalie

Kommentare:

  1. Schööööön *_*
    Auch wenn du vielleicht in ein oder zwei Sätzen die Hintergründe des Albtraums erläutern könntest. :)

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    1. Stimmt, das würde fehlen! Danke (: Die meisten meiner Kurzgeschichten sind irgendwie aus dem Zusammenhang gerissen und scheinen eher dort hin zu gehören, wo mein ein Buch irgendwo in der Mitte aufschlägt^^
      Ach, und Jocelyn wurde mal misshandelt... Armes Mädchen... Auch wenn sie fiktiv ist.

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    2. Vielleicht kannst du ja mal ein Buch daraus machen. :)
      Meiner Meinung nach werden selbst fiktive Personen lebendig, wenn man ihre Geschichte aufschreibt. Von daher: Arme Jocelyn.

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    3. Ja, vielleicht (: Ich möchte sowieso mal ein Buch schreiben xD Aber bis jetzt... Mir ist einfach nie eine Story eingefallen, die langlebig funktioniert :D

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